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Klimaschutz: Veränderung beginnt im Kleinen und direkt vor unserer Haustür

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21.1.2026
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‍Alexander Seebold, M. Sc. in Business and Management, ausgebildeter Groß- und Außenhandelskaufmann mit technischer Leitungserfahrung in den Bereichen Schwammstadt, nachhaltige Infrastruktur und Produktentwicklung, hat über viele Jahre hinweg Projekte in unterschiedlichsten Regionen begleitet – von Mitteleuropa über Zentralasien bis nach Nordamerika. Dabei hat Seebold Systeme entwickelt, Strategien mitgestaltet und sich auf zahlreichen Fachveranstaltungen engagiert.

Foto: Privat

Die Universität Leipzig hat in einer Untersuchung festgestellt, dass das Ahrtalhochwasser keine einzelne Katastrophe war, sondern dass es Vorläufer gegeben hat. Es hatte nur niemand genau hingeschaut. Warum tun wir uns beim Thema Wasser so schwer – obwohl Hochwasser laut Universität Leipzig zu den gravierendsten Umweltgefahren in Mitteleuropa zählen?

Ich glaube, du sprichst einen ganz zentralen Punkt an. Das eigentliche Problem ist weniger fehlendes Wissen als vielmehr unsere über Jahrzehnte geprägte Sichtweise. Seit mehr als 70 Jahren haben wir gelernt, Wasser möglichst schnell aus Städten und Landschaften herauszuleiten. Diese Denkweise steckt bis heute tief in Planung, Verwaltung und auch in unseren Köpfen.

Die berühmte historische deutsche Wasserwirtschaft

Genau – dabei war es historisch betrachtet genau umgekehrt. Über Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende, war Wasser eine zentrale Überlebensgrundlage. Böden, Felder und Landschaften waren darauf ausgelegt, Wasser zu speichern, zu verzögern und nutzbar zu halten. So konnten Dürreperioden überstanden und Extremereignisse abgefedert werden. Diese Speicherfähigkeit haben wir durch Versiegelung, Begradigung und Entwässerung Schritt für Schritt verloren.

Was bedeutet das konkret?

Das lässt sich auch mit Zahlen belegen: In Deutschland sind heute etwa 45–50 % der Siedlungs- und Verkehrsflächen versiegelt. Gleichzeitig haben viele Flüsse mehr als 70 % ihrer natürlichen Retentionsräume eingebüßt. Dadurch verlaufen Hochwasserereignisse schneller, fallen höher aus und wirken zerstörerischer – oft selbst bei vergleichbaren Niederschlagsmengen. Die Römer haben beispielsweise wassergebundene Kieswege gebaut, die bis heute funktionieren, weil sie mit der Natur arbeiten: wasserdurchlässig, reparierbar und anpassungsfähig. Im Grunde ist das Schwammstadt-Denken lange vorhanden gewesen, bevor wir es so genannt haben.

Dieses Bild verdeutlicht, wie ein Baum zur Regulierung des städtischen Wasserhaushalts beitragen kann. Er nimmt Wasser über Ausgleichs- und ungebundene Flächen auf, speichert es und gibt es in Hitzeperioden in Form von Verdunstungs-kühlung wieder an die Umgebung ab. Grafik: Seebold

Also ist das rein technische Denken eine selbst geschaffene Falle?

Ja, und genau deshalb liegt für mich der Schlüssel meiner Arbeit vor allem in der Sensibilisierung. Wasser ist kein Feind, den wir kontrollieren müssen, sondern ein Partner, den wir verstehen und integrieren sollten. Städte müssen wieder lernen, Wasser zu speichern, zu verzögern und versickern zu lassen – in Böden, Grünstrukturen, auf Dächern und in Wegen. Hochwasserprävention beginnt deshalb nicht erst am Fluss, sondern auf jedem einzelnen Quadratmeter Stadt.

Diese Quadratmeter befinden sich in Straßenschluchten, auf Park- und Logistikflächen sowie unter Wohn- und Industrieimmobilien. Entsiegeln? Abreißen? Gibt es Handlungskonzepte, bei denen die Menschen auch mitmachen?

Ja, denn diese Flächen liegen genau dort, wo Stadt heute am dichtesten, härtesten und zugleich verletzlichsten ist. Die gute Nachricht lautet: Wir müssen nicht alles abreißen, um etwas zu verändern. Seit Beginn meiner beruflichen Laufbahn beschäftige ich mich mit der Frage, wie wir Städte widerstandsfähiger, lebenswerter und ökologisch nachhaltiger gestalten können. Immer wieder führte mich diese Suche zu einem zentralen Schlüssel: der Blau-Grünen Infrastruktur und dem Schwammstadtprinzip. Was zunächst wie ein planerisches Konzept wirkte, wurde für mich zu einer Überzeugung und letztlich zu meinem beruflichen Schwerpunkt.

Was ist der Kern dieser Blau-Grünen Infrastruktur?

Blau-Grüne Infrastruktur und Schwammstadt setzen bewusst auf schrittweise, integrierte Lösungen. Es geht nicht um radikale Rückbauten, sondern um ein intelligentes Umdenken im Bestand. Straßen können durch wasserdurchlässige Beläge, Mulden, Baumstandorte oder Retentionssysteme Wasser aufnehmen und verzögern. Park- und Logistikflächen lassen sich teilentsiegeln, ohne ihre Funktion zu verlieren. Entscheidend ist dabei die Beteiligung der Menschen. Konzepte funktionieren dann, wenn sie einen konkreten Nutzen stiften: kühlere Städte im Sommer, weniger Überflutungen, attraktivere Quartiere und geringere Folgekosten. Wenn Anwohner merken, dass ein begrünter Parkplatz weniger Hitze abstrahlt, entsteht Akzeptanz.

Almaty: Der Park wurde dort vollständig saniert, wobei eine Lösung gefunden werden musste, um zu verhindern, dass die Wegedecke Risse bildet, und um eine einfache Reparatur zu ermöglichen. Hintergrund dafür sind die regelmäßig auftretenden leichten bis mittleren Erdbeben in Almaty. Zudem wurde großer Wert auf nachhaltige Lösungen gelegt, um den Besucherinnen und Besuchern auch in den Sommermonaten ein angenehmes Klima zu bieten. Foto: Seebold

Gehört dazu auch die oft genannte Schwammstadt?

Ja, natürlich. Und auch hier möchte ich noch einmal betonen: Schwammstadt ist kein Abrissprogramm, sondern ein Mitmach-Prozess. Jede entsiegelte Teilfläche, jeder Baum, jedes Dach zählt. Der Schlüssel liegt darin, technische Lösungen mit Alltagstauglichkeit, Beteiligung und klarer Kommunikation zu verbinden. Genau dann wird aus abstrakter Klimaanpassung gelebte Stadtentwicklung. Die Zusammenarbeit mit Kommunen, Unternehmen, Planungsbüros und Umweltinitiativen hat mir eines besonders deutlich gemacht: Es braucht mehr als technisches Know-how. Es braucht konkrete, verständliche und umsetzbare Handlungsempfehlungen – auf kommunaler Ebene ebenso wie für private Haushalte. Denn Veränderung beginnt im Kleinen, direkt vor unserer Haustür.

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